Auch N24 recherchiert schlampig

29Mrz06

Gestern auf N24 im Magazin „Wissen“ unter dem Titel „Luxusfahrrad — vom Draht- zum Goldesel“ (Moderation: Julia Hacke):

Ein Fahrradgeschäft namens „Radlbauer Deluxe“ dreht Reichen vergoldete Fahrräder für 14.000€ (in Worten vierzehntausend Euro) an.
Ohne Vergoldung wären die Fahrräder, die sie im Beitrag gezeigt haben, etwa ein Zehntel dieses Betrages wert.
Gegen diese clevere Geschäftsidee spricht ja nichts, zumal das Geld offensichtlich irgendwelchen reichen Asozialen mit miserablem Geschmack aus der Tasche gezogen wird. In der Sendung ist irgendeine Tussi platzend vor Stolz, daß sie es sich leisten kann und damit im Fernsehen ist, mit einem solchen Rad davongefahren. Daß sie nicht nur einen völlig überteuerten, sondern auch einen schlechten Kauf gemacht hat, ist sicher: Die Felgen ihres Fahrrades waren mit einer schlecht nachgeahmten Holzmaserung beschichtet und das Fahrrad hatte Felgenbremsen. Es gibt keine Beschichtung, mit der man bremsfest eine derartige Beschichtung auftragen kann. Die festesten Bechichtungen sind Hartverchromung (Stahl) und Eloxierung (Aluminium). Bei letzterer gibt sind Farben möglich, aber nur Uni, keine Muster.
Und selbst diese Beschichtungen sind der Belastung durch Felgenbremsen nicht dauerhaft gewachsen. Erst recht keine Lackierung oder Kunststoffbeschichtung (nach letzterer sah es aus).

Kein Wort davon auf N24. Aber das ist ja noch harmlos. Es geht ja noch weiter.

N24 zeigt dann den Geschäftsinhaber, posend, wie dieser „24-Karat-Blattgold“ auf offensichtlich galvanisch vergoldete Fahrradteile aufträgt. Dieser Auftrag sei dreimal notwendig, um eine haltbare Schichtdicke aufzutragen. Das ist natürlich Unsinn, das geht gar nicht, fragen Sie ihren lokalen Vergolder. Haltbar geht nur galvanisch. Abgesehen davon gibt es die einschlägigen Komponenten beim einschlägigen Versandfachhandel — schlechter Geschmack ist offensichtlich weiter verbreitet, als Schicki und Micki lieb sein kann.
Anschließend post der Geschäftsinhaber mit einem alten Diamant-Fahrradrahmen, in den er klapprig ein geschweiftes Rohr eingefügt hat. Dieses klappert im Rahmen hin und her. Offensichtlich hat N24 noch nicht mitbekommen, daß Fahradrahmenbau erstens ein Präzisionshandwerk ist, in dem bei den gezeigten gemufften Rahmen die Lötspalte auf Bruchteile von Millimetern und die Winkel auf Bruchteile von Grad genau sein müssen — ansonsten hält die Lötung nicht. Und zweitens dürfen Fahrradrahmen meines Wissens in Deutschland nur von Rahmenbau-Meistern gebaut werden (kann sein, daß sich das mit der Änderung der Handwerksregeln vor einigen Jahren geändert hat), die aber auf jeden Fall auch noch für die Qualität der hergestellten Ware haftbar sind.
Ich kann mir nicht vorstellen, daß „Radlbauer Deluxe“ bei seiner Klientel ein derartiges Risiko eingeht, ich hoffe es für ihn. Obwohl er sich entsprechende Prozesse wahrscheinlich mittlerweile leisten könnte:

Die galvanische Vergolderei der wenigen Teile, die nicht direkt vergoldet bestellbar sind (ich kann mir nicht vorstellen, daß der Hersteller des Pedersen-Fahrrads sein Rad vergoldet verkauft), dürfte den Radlbauer noch etliche hundert Euro kosten. Damit liegt der Einkaufspreis aber immer noch bei höchstens einem Viertel oder einem Fünftel des Endpreises.

Das nenne ich eine satte Gewinnspanne!

Und einen guten Hack, das es ihm gelungen ist, nicht nur seine Klientel entsprechend zu verarschen, sondern auch die N24-Reporter!



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