Minority Report

14Apr06

Ich lese gerade eine Kurzgeschichtensammlung von Phil K. Dick (Danke, R., fürs Ausleihen!). In der Titelgeschichte spielt folgender Satz eine wichtige Rolle:

The existence of a majority logically implies a corresponding minority.

Im richtigen Leben impliziert die Existenz einer Minorität in Form einer ältlichen Frau robuster Gestalt und offensichtlich robusten Gemüts in einem Großraum-Ruheabteil den blanken Terror. Terror, der sich schon ankündigt, als sie sich schnaufend in den Zugsitz fallen läßt. Terror in Form eines brutal nervigen Handyklingeltons, der mit synthetischer Fröhlichkeit laut vor sich hindudelt, die im Moment des Erklingens niemanden wirklich erfüllt, nicht einmal die sauertöpfisch dreinblickende Besitzerin. Terror in Form ausführlicher Telefonate, in denen nicht nur alle Transportalternativen von S nach B durchgehechelt werden — das Ganze gipfelt in der nicht ernst gemeinten Drohung „Ich kann auch mit der S-Bahn nach B fahren“ — sondern auch das aufgrund seiner schwächlichen Konstitution erhöhte Schlafbedürfnis der Enkels und die immer verspätete S-Bahn in M, die dazugeführt hat, daß sie den reservierten Zug verpaßt hat. Terror durch mit großer Lautstärke ins ältliche Handy gebrüllter Phrasen, die aufgrund von Verbindungsaussetzern auch noch mehrfach gebrüllt werden.
Natürlich hat aufgrund ihres robusten Gemüts die Frau das Dutzend der an jeder Tür und zwischen allen Fenstern angebrachten „Psst“-Zeichen auf dem Weg zu Ihrem Platz übersehen. Aus demselben Grund weiß sie weder direkte noch indirekte Hinweise, daß die versammelte unfreiwillige Zuhörerschaft ihre Telefonate nicht wirklich goutiert, zu würdigen — die dezenteren Kommentare wie „Ich glaube, Sie überschätzen den Unterhaltungswert Ihrer Konversation“ werden vermutlich überhaupt nicht verstanden. Ein Aufatmen ist erst möglich, als der Bahnhof von S in die Nähe rückt. Weil nämlich erst dann die Frau ihr Kommunikationsdefizit vollständig und umfassend aufgearbeitet hat: „Ich bin jetzt gleich da“.

Majoritäten haben es auch nicht immer leicht.



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