Geschichten aus dem Richtigen Leben — Teil 2: Holla die Zahnfee

01Mai06

Eine weitere Geschichte aus meinem Richtigen Leben(tm), angeregt von der gestrigen III. Bayerischen Bloglesung (schön, gut!), bei der es ja auch um die eine oder andere tote Ekligkeit ging, und den interessanten Gesprächen hinterher.
Und angeregt von aktuellen Vorgängen, der andere Zahn morst immer noch seinen Phantomschmerz, daher bin ich morgens vor sechs Uhr schon wach, „aber das ist eine andere Geschichte“(*1).

Ich bin mal an einer durch eine dilettantisch angebohrte und schnell wieder zugestopfte Zahnhöhle („Ups“ — „Naja, nix passiert“) im Oberkiefer verursachten Blutvergiftung fast krepiert.

Soweit man mitten in der westlichen Zivilisation von „fast krepiert“ reden kann, aber neben einer massiv auf das Drei- bis Vierfache angeschwollenen Backe und schlagartig ansteigendem Fieber ist ein roter entzündeter Faden, der es verdächtig eilig hat, sich entlang der Schlagader den Hals herunter zu verlängern, ein deutliches Indiz dafür, daß es eine ausgesprochen gute Idee ist, die nächste Notfallambulanz aufzusuchen — in meinem Falle passenderweise die kieferchirurgische. Das war Samstag abends um halb zehn oder so.
Dort bin ich dann an einen Oberarzt geraten, der sich bereits in einem Zustand stark übermüdeter Hysterie befand; vermutlich war er bereits seit knapp 40 Stunden mehr oder minder ununterbrochen im Einsatz. Zur Standesarroganz reichte es noch, denn die saß offenbar tief genug: während meiner Schilderung „Herr S. hat dies, Herr S. hat das gemacht“ kam es zu folgendem Dialog „Ist der Mann Doktor?“ — „Ich glaube schon“ — „Dann sagen Sie es doch!“. Leider erfuhr ich erst im Nachhinein, daß sich die Fähigkeiten des Herrn S. bzw. deren Defizite bereits herumzusprechen begannen. Kein Jahr später war die Praxis geschlossen, angeblich aufgrund mehrerer ähnlicher Vorfälle.
Nachdem der Oberarzt mich untersucht und meine Kiefernhöhle erbrochen hatte, war er angesichts des sich innerhalb von Sekundenbruchteilen ausbreitendenen üblen Gestanks kurz davor, sich seinerseits in mein Gesicht zu erbrechen und konnte sich nur noch schnell reflexartig wegdrehen. Dieser Gestank war das Schlimmste, was ich in meinem Leben jemals gerochen habe, einschließlich der an schwülen Sommernachmittagen munter vor sich hingärenden Müllcontainer des Schlachthofs der Provinzhauptstadt und insbesondere auch einschließlich des übelsten aller Fürze, den Marc A.’s mageres Kätzlein von sich gegeben hatte, vermutlich nach dem Verzehr einer erbeuteten Maus, und der so übel war, daß wir beide deutlich grün im Gesicht uns gegenseitig ansahen und angesichts des Anderen fürchterlich lachen mußten, was mitten in einem fürchterlichen Gestank eine ausgesprochen widersinnige Reaktion ist. Wir saßen damals mitten in dem fiesen Gestank, völlig erschöpft vom Lachen und vom Geruch, mit bleichen Gesichtern, unfähig, auch nur das Fenster zu öffnen(*2).
Zurück zum Gipfel aller Gestänke, den ich dummerweise in meiner Visage mit mir herumtrug und der nun da irgendwie heraus mußte. Das Zahnärztchen brauchte zwei Riesenspritzen vom Format „Ich bin zwei Öltanks“, um aus der Kieferhöhle eine Farbe und Konsistenz schon fast petroleumartige Substanz abzusaugen, spülte das Ganze ordentlich durch und setzte noch am Ansatz der Backe eine Drainage, durch die die folgenden Tage der ganze Schmodder langsam abfloß. Seitdem weiß ich, wie scharf und beißend eine Entzündung schmeckt.
Wie geheißen, kam ich am Montag nachmittag wieder, um mir die Wurzel des ganzen Übels, den Zahn, ziehen zu lassen. Ich traf dort auf immer noch denselben Oberarzt, diesmal in deutlich fettig verschwitztem Zustand — der Arztkittel wäre auch alleine stehen geblieben und die Haare klebten ihm nur so am Schädel. Offensichtlich war er mittlerweile weitere 45 Stunden im Einsatz. Dieses Krischperl hing nun mit einer Art Miniatur-Kombizange an meinem Oberkiefer und versuchte, mir den Zahn zu ziehen. Erst unter intensiver Anwendung des archimedischen Hebelgesetzes gelang ihm das, deutlich verschwitzter. Leider übersah er beim „Universum aus den Angeln heben“, daß der Nachbarzahn kein allzu fester Punkt sondern mit einer zahnfarbenen Kunststofffüllung gefüllt war und zerquetschte diesen auch noch dabei.

Merke: Montags nachmittags eine Notfallambulanz aufzusuchen, ist weitaus dümmer als Samstag abends, wo es keine Alternativen gibt. Die Krankenschwestern werden übers Wochenende ständig ausgetauscht, nur die Ärzte bleiben und sind u.U. seit Freitag morgen im Einsatz. Und: Streiks und Gerichtsurteile sind eine gute Sache. Deshalb hat sich nämlich dieser Zustand mittlerweile deutlich gebessert.

Ich denke, es ist nachvollziehbar, daß mein Enthusiasmus in puncto Zahnärzte arg geschwächt war. So auch ich.

Ich begab mich also ein paar Tage später in eine andere Kieferchirurgie, um die Reste des zerquetschten Zahns auch noch entfernen zu lassen. Dort traf ich auf einen netten Oberarzt, der gegen Ende der Behandlung in Richtung des Zahntechnikers quer über die Station „Herr Maier, Herr Maier, möchten Sie mal das Gebiß eines Zweimetermannes sehen?“ brüllte. Herr Maier nutzte die Gelegenheit gerne und grinste bei der Besichtigung bis über beide Ohren.
Die guten Sprüche wie „erst lassen wir aber den Hut rumgehen“ fallen mir in solchen Fällen leider immer erst hinterher ein. Gegenüber dem Oberarzt der kieferchirurgischen Ambulanz war ich noch die Pointe „Ach ja übrigens, für ihre Akten, Sie hatten danach gefragt, Herr S. ist doch kein Doktor, der ist nur Zahnarzt“ vorher bei einem weiteren Besuch zur Entfernung der Drainage losgeworden, aber da war es nicht mehr wirklich witzig.

Die nunmehr doppelt so breite Zahnlücke ließ ich mir von einem vierten Zahnarzt schließen. Immerhin fragte der Chef der zweiten Kiefernchirurgie telefonisch nach, warum ich das nicht bei ihnen machen ließ. Der Gipfel war aber Herr S., der „Kein-Doktor“, der an die Krankenkasse meldete, „Behandlung abgebrochen“. Klar, daß die Krankenkasse da einen Bericht über den Vorfall erhielt, er wollte es ja so.

Den Zahn, an dem ich dank Herrn S.‘ Künsten fast krepiert bin, habe ich noch heute. Ich weiß auch wo.
Bräuche wie den gestern vom Don geschilderten kann ich also zumindest ansatzweise nachvollziehen, offensichtlich besser als er.


(*1) Copyright für diese Floskel Gastwirt und Erzähler Mustache aus „Das Mädchen Irma La Douce“ von Billy Wilder mit einer reizenden Shirley Mc Laine.
(*2) Bei Markus P., genannt „Marc A….“, in der riesigen Wohnung mit der allwissenden Müllhalde Majorje, der (hart an der Grenze zum Messie, aber damit kokettierend) gerade dabei war, das kleine Erbe seiner Tante zu verjubeln, in dem er nicht nur eine Fidonet-Mailbox mit vier Telefonleitungen gleichzeitig betrieb — typischerweise waren zwei permanent von ihm belegt — sondern sich auch nach Lust und Laune aus dem 60 km entfernten US-Stützpunkt grauenhafte US-Schaumgummi-Pizzas bringen ließ … aber auch das ist eine andere Geschichte.



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